Mein Kastrationsprojekt in Granada

 

Im April 2016 bin ich nach Granada in Spanien gefahren, um dort Straßenhunde und -katzen zu kastrieren, denn die einzige Möglichkeit, die Zahl der Hunde und Katzen zu reduzieren und den armen Tieren die furchtbarsten Leiden zu ersparen, liegt in ihrer Kastration.

Wenn man überlegt, dass eine Katze oder eine Hündin innerhalb von 10 Jahren direkt und indirekt 1 Millionen Nachkommen produziert (schon mit 6 Monaten können sie wieder trächtig werden), dann könnt ihr euch vorstellen, was man schon mit einer Kastration bewirken kann!

 

In Granada selbst wird man nie einen Straßenhund sehen. Läuft ein herrenloser Hund auf der Straße herum, wird er sofort eingefangen und in eine der Tötungsstationen gebracht. Dort bekommen sie eine Nummer mit einem Datum, dem Todestag, nach 21 Tagen.

In die Kastrationsklinik in der ich gearbeitet habe (die Tierärztin hat sich auf Kastrationen spezialisiert und macht nichts anderes! - Hut ab!), kamen Hunde aus Tierheimen, die nach der Kastration die Möglichkeit haben mit einem Flugpaten nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz vermittelt zu werden. Manche verbringen Jahre in einem spanischen Tierheim, andere werden getötet, wenn es zu viele werden (ja, auch im Tierheim!). Nur die wenigsten schaffen es von einer Pflegestelle aufgenommen und schließlich vermittelt zu werden.

 

Die Hunde und Katzen kamen alle schon morgens in der Klinik an, die Hunde bekamen sofort eine Beruhigungsspritze und dann ab in die Boxen, wo sie auf die OP warteten. Die meisten sind ängstlich, die einen mehr, die anderen weniger- nachvollziebar, schließlich wissen sie ja nicht was gleich geschieht!

Die Katzen bekamen ihre Narkose in ihrer Box. Rausholen, wie man das in Deutschland kennt, ist unmöglich, denn die meisten Katzen lassen sich nicht anassen, fauchen und schlagen panisch um sich. Da muss man schnell sein und aufpassen nicht gebissen zu werden. Wer schonmal ein Katzenbiss ertragen musste, weiß, wie schmerzhaft und gefährlich das werden kann!

Mein Aufgabe war es dann den sedierten Hunden alleine den Venenkatheter zu legen. Trotz der Sedierung können die Hunde noch laufen, bekommen alles mit und könnten auch noch zubeißen, wenn sie sich in die Enge gedrängt fühlen. Da ist wieder Vorsicht geboten!

Viele Hunde hatten Angst vor dem Geräusch des Rasierers, ein paar schnappten danach, sodass ich dann doch die Helferin bitten musste, mir den Kopf des Hundes zu halten. Ich kniete also vor dem Hund und staute mir mit der linken Hand die Vene, während ich mit der rechten Hand den Venenkatheter schob, was gar nicht so einfach ist, wenn man noch nicht so viel Übung darin hat. Der Kopf des Hundes war also direkt gegenüber von meinem. Ich hatte Glück und wurde nicht gebissen. Insgesamt waren die Hunde doch erstaunlich brav!

Ich gab die Narkose und das Antibiotikum, scherte das OP Feld und bereitete es für die OP vor. Nachdem ich oder die Tierärztin das Tier kastriert haben (15-20 Tier pro Tag), kam es wieder in die Box zum Aufwachen zurück. Leider waren viele Tiere hochträchtig. Die kleinen Föten wurden mit herausgenommen und in den Mülleimer geworfen. Das hat mich sehr schockiert, doch auf der anderen Seite, muss das Tier kastriert  werden! Es gibt keinen Ausweg! Wenigstens erspart man den Kleinen ein grausames Leben.

Auf dem Bild ist ein sehr alter Hund zu sehen. Die Zähne übersäht mit Zahnstein, ihr könnt froh sein diesen Geruch nicht riechen zu müssen. Ich musste diesem armen Hund ganze 8 bis auf die Wurzel faulige Zähne ziehen! Was für Zahnschmerzen musste er erleiden? Wie konnte er unter diesen Umständen noch fressen?

 

Einige Sachen verwunderten mich sehr:

  • die Tiere werden weder abgehört, noch für die Narkose gewogen, noch untersucht vor der OP
  • die Tiere bekommen kein zusätzliches Schmerzmittel (die Narkose ist auch  schmerzstillend, allerdings nicht so langanhaltend)
  • das Skalpell wird den ganzen Tag über genutzt ohne es zwischendrin abzuwaschen
  • das OP-Besteck, kommt nach jeder OP nur kurz in eine Desinfektionsbad, dieses Wasser wird am nächsten Tag nochmal verwendet
  • Fadenreste werden fürs nächste Tier wiederverwendet

Warum das so ist? Man muss Kosten sparen!

 

An zwei Tagen sind wir drei Stunden in den Norden zu zwei verschiedenen Tierheimen gefahren.

Das Tierheim war sehr klein, nicht zu vergleichen mit einem deutschen Tierheim! Dort gab es 300 Hunde, die auf engsten Raum gehalten werden. Es war so laut, dass man teilweise sein eigenes Wort nicht mehr verstand! Die Hunde bellten in einer Tour, ständig gab es Raufereien zwischen den Hunden bis einer der Hunde aufgeschriehen hat, dann brüllte wieder ein Tierheimmitarbeiter.

Wenn ihr glaubt, dass es in solchen Tierheimen nur Mischlinge gibt, dann liegt ihr falsch! Der Großteil der Hunde sind Rassehunde, die angeschafft wurden aus einer Laune heraus, völlig unüberlegt. Sie ahnen nicht welche Bedürfnisse diese Rasse oder allgemein das Tier Hund hat. Spontane Käufe aus Tierhandlungen oder von Märkten, sie sind doch so niedlich gewesen. Dann sind sie aber plötzlich viel zu groß geworden, oder zu laut, zu viel Geld. Niedlich sind sie jetzt auf jeden Fall nicht mehr, sondern einfach nur lästig. Sie werden ins Tierheim abgeschoben oder irgendwo ausgesetzt,ohne Skrupel. Labradore, Golden Retriever, Jagdhunde, Cocker Spaniel und viele mehr.

 

Ein Großteil in diesem Tierheim waren aber die Galgos:

Podencos und Galgos werden in Spanien zur Jagd eingesetzt. Von den Jägern als reines Werkzeug benutzt, fristen sie ein tristes und trauriges Leben, angekettet an ihr Schicksal.
Und so haben die Spanier nach der Jagdsaison keine Verwendung mehr für die Hunde, die eben nur diesen einen Zweck erfüllen.

 

Das spanische Tierschutzgesetz verbietet zwar die körperliche Misshandlung oder Verstümmelung der Tiere, genauso wie die Kettenhaltung oder das Aussetzen von Hunden. Aber diese Gesetze werden von den spanischen Jägern Tag für Tag missachtet und von der Regierung gebilligt.

 

Die spanischen Jagdhunde leben ihr ganzes Leben am Rande des Verhungerns, ohne menschlichen Kontakt – mit Ausnahme zu ihren Peiniger. Viele der Tiere leben meist nur 2-3 Jahre, danach werden sie ersetzt- die Zuchthündinnen leben etwas länger. Die Hunde, die nicht mehr gebraucht werden, werden schließlich „entsorgt“.(1) Entweder werden sie ausgesetzt, wo sie dann qualvoll verhungern, an einem Baum erhängt oder sie stecken ihnen grössere Holz- oder Plastikstäbe in den Rachen, damit sie dann elendiglich verdursten und verhungern. Der "Kreativität" des Menschen ist da keine Grenzen gesetzt. Die Glücklichen werden in ein Tierheim gesteckt.

Die Galgos sind eine ganz spezielle Rasse. Im Tierheim waren das die Hunde, die kaum gebellt haben, die oft "Opfer" Hunde gewesen sind, von Bisswunden der anderen Hunde übersät, weil sie sich nicht wehren und viel zu viele Hunde auf engstem Raum gehalten wurden. Mir ist aufgefallen, dass alle Galgos in dem Tierheim einfach nur lieb waren! Keinerlei Aggressionen! Beim Schieben des Venenkatheters haben sie höchsten mal geschnüffelt was ich denn da so mache. Diese Rasse hat mich sehr beeindruckt!

Wir waren also in einem winzigen Raum, haben unser OP Zimmer eingerichtet und 9 Stunden nur mit einer kleinen Essenspause kastriert. 9 Stunden ohrenbetäubender Lärm durch das Bellen, Arbeit wie am Fließband mit dem ständigem Geruch nach Blut, Erbrochenes und Urin. Die Hunde hatten sehr stumpfes Fell, teilweise sogar gar kein Fell, hatten Krankheiten, Ektoparasiten, Würmer oder schlimme Verletzungen. Ein paar Hunde waren dabei, die sich beide Hinterbeine gebrochen hatten, ohne Schmerzmittel, sie konnten sich nicht mehr viel bewegen. Wer möchte so einem Hund schon eine Chance geben? Nach all dem was sie durchgemacht haben, hätten sie es zumindest doppelt und dreifach verdient!

In den zwei Tagen haben wir es geschafft 54 Hunde zu kastrieren!

Verzweifelt drängen sich Pfoten und Nasen durch die Gitter. Als ob sie genau wüssten, wie sie Aufmerksamkeit erlangen, um diesem Schicksal zu entkommen. Wieder andere, sehr ängstliche Tiere, verstecken sich im Innenbereich und haben somit verloren. Wer in dieser Masse an Hunden nicht gesehen wird, hat keine Chance auf Adoption. Nur die kleinen Welpen (ja es gibt auch Welpen in den Tierheimen!!!) spielen noch unbekümmert miteinander, sie ahnen nicht in was für eine Welt sie geboren wurden.

Alte Schäferhunde, große schwarze Hunde, Jagdhunde völlig heruntergekommen, die alte Golden Retrieverhündin, als Gebärmaschine missbraucht – sie alle sind ohne jede Chance.

 

Nach den zwei Tagen ist mein Kopf leer und gleichzeitig voller Hundegesichter. Ich fühle mich verantwortlich für jeden von ihnen. Habe ich die Verantwortung zu tragen, die andere von sich weisen? Ich schäme mich diesbezüglich, Teil dieser Menschheit zu sein. Und doch ist da dieses kleine gute Gefühl, mit den Kastrationen die Welt ein bisschen zu verbessern.

Noch Stunden, noch Tage später höre ich das Bellen der Hunde in meinem Kopf. Ich sehe ihre Augen vor mir, deren Leuchten erloschen ist. Für mich sind sie keine Sache, sondern Lebewesen, jeder ist einzigartig. Wer von ihnen wird jetzt noch am Leben sein? Wer hat es geschafft? Wie geht es den Hunden mit den gebrochenen Beinen?

Ich weiß es nicht. Gedanken, die einen auffressen...

 

Muss man sich einen kleinen süßen Welpen aus einer Zucht aus Deutschland holen? Es warten so tolle liebe Familienhunde in den Tierheimen oder Pflegestellen sowohl in Deutschland als auch im Ausland. Und wenn man unbedingt einen Welpen möchte: es gibt auch Welpen in Tierheimen!!!! Es gibt doch schon viel zu viele Hunde auf der Welt, nur gemeinsam können wir etwas bewirken!

 

Für alle die sich einen Hund aus der Zucht geholt haben: Fühlt euch bitte nicht angegriffen, ihr habt tolle Hunde und ich liebe eure Hunde, aber vielleicht beeinflusst dieser Bericht ja eure nächste Entscheidung. :-)

 

Wie könnt ihr aktiv im Tierschutz helfen? Klick!

 

Diese tolle Hündin sucht noch eine Familie! Klick!

 

(1) http://www.million-actions.de/2012/01/21/das-leben-und-sterben-der-podencos-und-galgos-in-spanien/

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Kommentare: 1
  • #1

    Angelika (Montag, 16 Mai 2016 19:42)

    Ich kann nur sagen: Respekt vor dieser großartigen Leistung! Es gehören Mut, Stärke und Durchhaltevermögen dazu, diesen Job im Ausland zu machen. Von den psychischen Belastungen ganz zu schweigen, wenn man das Schicksal und Elend all dieser Tiere sehen muss, von denen es wahrscheinlich nur wenige nach draußen in ein besseres Leben schaffen. An manchen Stellen dieses an Herz gehenden Berichts hatte ich Tränen in den Augen. Auf der einen Seite tun wir Menschen Tieren unvorstellbar Übles an, tagtäglich, überall, auf der anderen Seite gibt es Tierärzte, die sich für die Ärmsten der Armen einsetzen. Das versöhnt mich ein wenig. Ich wünschte, es gäbe mehr Menschen wie Sylvia, die (Tier-)Welt wäre eine bessere.

         

           Sylvia Erhard

 

              Tierärztin